Hamburg, 13. Oktober 2010 – dvta und VMTB ziehen an einem Strang und werben mit gemeinsamen MTRA-Aktionstagen im November an elf Standorten für mehr Nachwuchs in der Radiologie. Im Interview erklären Anke Ohmstede (dvta) und Katja Röhr (VMTB), warum das Engagement dringend notwendig ist.
Der Deutsche Verband Technischer Assistentinnen und Assistenten in der Medizin (dvta) und die Vereinigung der medizinisch-technischen Berufe (VMTB) in der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) starten auch in diesem Jahr wieder die MTRA-Aktionstage. Unter dem Motto „Schau rein, was für Dich drinsteckt“ laden radiologische Institute und MTRA-Schulen im November 2010 an elf Standorten ein, die radiologische Abteilung einer Klinik und eine MTRA-Schule zu besichtigen und darüber die Arbeit der Medizinisch-technischen Assistentinnen und Assistenten (MTRA) genauer kennen zu lernen. Katja Röhr, Vorsitzende der VMTB, und Anke Ohmstede, dvta-Vorsitzende der Fachrichtung Radiologie/ Funktionsdiagnostik erzählen im Interview, welche Impulse sie sich von den MTRA-Aktionstagen erwarten, wie die Beschäftigungschancen von MTRA aktuell sind und welche bildungspolitischen Weichen jetzt zu stellen sind.
Ärztemangel, Pflegenotstand – die Schlagworte machen deutlich, dass sich viele Berufe im Gesundheitswesen um ihren Nachwuchs sorgen. Wie sieht es konkret im MTRA-Berufsfeld aus?
Ohmstede: Für den Klinikbereich gibt ein aktuelles Gutachten des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI). Demnach sind gut 20 Prozent der MTRA-Vollzeitstellen in den Krankenhäusern derzeit nicht besetzt. Bei etwa 2000 Krankenhäusern bundesweit geht es um rund 400 offene Stellen. Dabei ist der gesamte Bereich der niedergelassenen Praxen noch nicht mit eingerechnet. Wir können davon ausgehen, dass dort ebenso einige MTRA-Arbeitsplätze nicht besetzt sind.
Röhr: Unsere Pinnwand in der Schule mit offenen Stellenangeboten quillt regelmäßig über. Die Zahl der Stellenangebote liegt weit über der Zahl an Absolventen.
Die MTRA gilt als Schnittstelle zwischen Mensch und Technik. Bedeutet das auch, dass mit jedem Fortschritt in der Medizintechnik auch der Bedarf an gut ausgebildeten MTRA steigt? Oder tritt eher der Effekt ein, dass Aufgaben mehr und mehr von der Technik übernommen werden?
Ohmstede: Der technische Fortschritt in der Diagnostik hat eine ganz neue Generation auf den Markt gebracht. Zum Beispiel die Hybrid-Geräte, bei denen zwei Technologien kombiniert werden. Zum Beispiel die Positronen-Emissions-Tomographie (Pet-CT), mit der Schnittbilder von lebenden Organismen erzeugt werden können. Diese Geräte in der Radiologie bedienen sich nicht von selbst, sondern sie müssen verstanden und fachgerecht gesteuert werden – und immer ganz individuell bezogen auf den Patienten, der gerade vor ihnen sitzt. Zudem hat sich durch das Mammographie-Screening von Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren die Zahl der MTRA-Stellen deutlich erhöht.
Röhr: Und auch die Teleradiologie ist ein Bereich, der erst zum MTRA-Arbeitsfeld hinzugekommen ist und nur durch die moderne Kommunikationstechnik möglich geworden ist. Bei der Teleradiologie ist der Arzt nicht selbst vor Ort, sondern steht zum Beispiel im Telefonkontakt mit der MTRA, die die Untersuchung vornimmt. Anders als im Laborbereich, in dem viel automatisiert worden ist und auch Stellen abgebaut wurden, führt die Technik in der Radiologie eher dazu, dass gut ausgebildetes Personal dringend gesucht wird. MTRA untersuchen immer den ganzen Menschen und eben nicht ein einzelnes Gewebe oder eine Blutgruppe.
Die MTRA zählen zu den Assistenz-Berufen – schreckt das Wort Assistenz jene Jugendlichen ab, die zu ihrer Zielgruppe gehören?
Ohmstede: Der Begriff „Assistenz“ in der Berufsbezeichnung ärgert vor allem jene, die schon länger im Beruf tätig sind und merken, dass sie gar nicht assistieren, sondern ihre verantwortungsvolle Tätigkeit selbstständig ausüben. Es mag vielleicht Jugendliche abschrecken – aber meistens nur jene, die einen sehr oberflächlichen Eindruck von diesem Beruf haben.
Röhr: Ich erlebe eher, dass Jugendliche keine dreijährige Ausbildung ohne Ausbildungsvergütung machen wollen.
Eine MTRA-Ausbildung kann eher als Alternative zum Studium gelten - erleben Sie die Hochschulausbildungen als Konkurrenz?
Ohmstede: Die Option Studium ist eine scharfe Konkurrenz. Wir stehen damit nicht allein. Denn alle Betriebe konkurrieren derzeit um die Jugendlichen der geburtenschwachen Jahrgänge, die nun ihre Ausbildung beginnen. Aber es gibt Wanderungsbewegung in beide Richtungen: Wir haben Studienabbrecher, die sich nach ein, zwei Semestern für eine MTRA-Ausbildung entscheiden. Wir haben aber auch MTRA-Schüler, die die Ausbildung abbrechen, sobald sie einen Studienplatz erhalten.
Für eine Ausbildung reicht ein Realschulabschluss. Wie hoch ist der Anteil an Gymnasiasten? Wie haben sich die Interessenten in den vergangenen Jahren verändert?
Röhr: In dem Jahrgang, welcher jetzt im September beginnt, sind etwa 40 Prozent der MTRA-Schüler Abiturienten. Die größte Gruppe aber sind die Realschüler. Was auffällt: Es gibt immer ein, zwei Schülerinnen oder Schüler pro Klasse die deutlich älter sind als der Durchschnitt. Wir haben also eine große Spannbreite in den Qualifikationen, aber auch in den Altersunterschieden.
Welche Karrieremöglichkeiten hat eine MTRA heute?
Röhr: Leider nicht viel. Sie können leitende MTRA in der radiologischen Abteilung einer Klinik werden, sie können auch in den Lehrerberuf wechseln und an einer MTRA-Berufsfachschule unterrichten. Und wenn sie in die Industrie z.B. als Applikationsspezialist gewechselt haben, können sie dort dann Karriere machen.
Ohmstede: Karrieremöglichkeiten im eigentlichen Sinne gibt es innerhalb des MTRA-Berufes weniger. Wer weiterkommen will, sollte eine zusätzliche Ausbildung oder ein Studium anschließen. Der MTRA-Beruf zeichnet sich aber durch eine hohe Verweildauer und Berufstreue aus. Das heißt: Wer in diesem Bereich arbeitet, bleibt lange dabei und wechselt nicht so schnell den Beruf.
Manche Gesundheitsberufe sind bereits mit eigenen Studiengängen an den Hochschulen etabliert. Wie sieht es mit der Akademisierung im MTRA-Berufsfeld aus?
Ohmstede: Hier gibt es bislang leider nur Nischen. So entwickelt die MTA-Schule Oldenburg beispielsweise gerade eine Kooperation mit der Fachhochschule Groningen, um den Absolventen der Schule einen Bachelor-Abschluss in den Niederlanden zu ermöglichen. Als Berufsverband haben wir uns stark dafür eingesetzt, im Rahmen einer Modellklausel eine akademische Ausbildung auch in Deutschland zu ermöglichen. Leider konnten wir die Politik dafür bislang noch nicht gewinnen.
2010 werben dvta und VMTB gemeinsam um mehr MTRA-Nachwuchs - welche Impulse erwarten Sie sich vom Aktionstag 2010?
Röhr: Wir wollen damit an die erfolgreichen MTRA-Aktionstage 2009 anknüpfen und dafür sorgen, dass mehr Jugendliche in diesen Beruf finden. Mit elf Standorten sind wir dieses Mal noch breiter aufgestellt. Dies wird den Effekt haben, dass der Beruf in der Öffentlichkeit nach und nach bekannter wird.
Ohmstede: Uns ist klar, dass es mit einmaligen Aktionstagen nicht getan ist. Schließlich wächst ja auch der Nachwuchs nach. Auch in diesem Jahr treten zwei große Verbände gemeinsam an und werben für das gesamte Berufsfeld. Auch wenn wir eine solche Aktion nicht an allen Standorten organisieren können, so profitieren sowohl alle MTRA-Ausbildungsstätten wie auch die Berufsgruppe als Ganze von den MTRA-Aktionstagen.
Das Interview führte Susanne Werner. Weitere Informationen: mtawerden.de.
Über den dvta: Der dvta ist mit rund 20.000 Mitgliedern einer der größten Fachverbände in der Medizin. Er vertritt die Berufsinteressen der Medizinisch-Technischen Assistentinnen und Assistenten in Deutschland.
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